“Barka da Sallah” rufe ich von meinem Sofa

(Barka da sallah ist Hausa und heißt so viel wie: Alles Gute zum Feste)

Hallo alle. Letzte Woche habe ich mich ja nicht gemeldet. Das lag nicht daran, dass es nichts zu berichten gab, sondern eher daran, dass ich mich mal ausruhen musste. Arbeitsmäßig muss ich momentan noch das letzte Projekt abschließen und das jetzige so richtig ins Rollen bringen, da kommt schon einiges an Arbeit und damit verbundenen Überstunden zusammen. Glücklicherweise geht es aber möbeltechnisch in der Bude hier voran. Letzte Woche habe ich ein Sofa, einen Sessel und drei Couchtische bekommen. Jetzt sieht das Wohnzimmer schon zu einem Drittel wohnlich aus und ich habe einen Ort zu entspannen. Das Sofa ist zwar schon etwas durchgesessen (Ich glaube die Vorbesitzerin saß immer vorne an der Sofakante), aber man kann es sich schon bequem drauf machen und ich bin eh eher ein Sessel-typ.

Wird langsam gemütlich hier
Wird langsam gemütlich hier

Passend zum Fakt, dass ich mich mal ausruhen musste, war die vergangene Arbeitswoche sehr kurz und das Büro recht leer. Donnerstag und Freitag waren frei aufgrund zweier muslimischer Feiertage anlässlich des Opferfestes (Eid al adha) oder des „Großen Festes“ (Eid al Kabir, wie es in Nigeria genannt wird). In Nigeria feiert man nämlich sowohl muslimische als auch christliche Feiertage, aber ist ja bei ca. 50% Muslimen und 50% Christen im Land auch verständlich. Das Opferfest gilt als Höhepunkt der Haddsch, der großen Pilgerfahrt gläubiger Muslime nach Mekka (eine der fünf Säulen des Islams). Die Haddsch kann nur zu ganz bestimmten Tagen durchgeführt werden (8. – 12. Tag des zwölften Monats des islamischen Kalenders) und folgt einem recht strengen Protokoll. In diesem Jahr nahmen über 3 Millionen Menschen Pilgerer an der Haddsch teil, auch viele Menschen aus Nigeria und ein Fahrer der GIZ. Leider kam es in der Vergangenheit schon häufig zu vielen Toten und so gab es auch dieses Jahr nach einer Massenpanik über 900 Tote, die zu Tode getrampelt wurden. Der saudische Prinz schob die Schuld afrikanischen Pilgerern und dessen schlechtes Zeitmanagement und Einhalten von Regeln zu. Das sorgte natürlich für einen ordentlichen Skandal, zumal ich auch anderswo gelesen habe, dass er selbst die Massenpanik ausgelöst hatte, als er die Pilgerstrecke ging zusammen mit über 150 Polizisten und mehrere Hundert Militärs, die ihn schützten.

Traditionell wird zum Opferfest ein Widder geschlachtet und in einem großen Fest verzehrt und den Bedürftigen werden Geschenke und Spenden gebracht. Je nach Region können aber auch andere Tiere geschlachtet werden, wie Kamele, Rinder oder eben Ziegen. Donnerstagmorgen, ich wollte mal so richtig schön ausschlafen, blökt im Nachbargrundstück ein Ziegenbock und reißt mich aus dem Schlaf. Erst dachte ich, dass ich mich verhört habe, doch der Ziegenbock blökte den ganzen Tag und die ganze Nacht weiter. Freitagmorgen dann, ich habe im Halbschlaf noch Schleifgeräusche wahrgenommen, verstummte das Blöken plötzlich. Ich stand auf, schaute nach draußen und da lag der Ziegenbock in einer Blutlache mitten auf dem Hof zwischen den geparkten Autos. Ich habe meinen Blick natürlich sofort abgewandt und erst später wieder nach draußen geschaut, als es ganz lecker nach gebratenem Fleisch roch…Später wurde es recht voll und eine große Party bis tief in die Nacht fand statt, dabei floss aber auch eine Menge Alkohol wie man den lallenden und torkelnden anmerkte.

Aus unserem hinteren Balkon kann man sehr gut über die meterhohe Mauer mit Stacheldraht oben drauf auf das Nachbargrundstück schauen. Dort stehen wie auf unserem Grundstück zwei Häuser, die recht gut und wohnlich aussehen. Dort wohnen ausschließlich Nigerianer. Einige sind Moslems, aber an deren Gartenzaun hängt auch ein großes Plakat, dass der Freitaggottesdienst der xyz-Kirche dort stattfindet. Auffällig ist, das ich nur junge Menschen dort ein und ausgehen sehe und dass auf dem Hof deutlich protzigere Autos stehen als bei uns. Bei uns stehen einige SUVs und mein Schlachtross, dort stehen mehrere hochgetunte Luxuskarossen wie BMW, Mercedes, etc. Ich frage mich, was die so arbeiten, bzw. wer deren Eltern sind…

Der Fuhrpark nebenan
Der Fuhrpark nebenan

An solch freien Tagen fahr ich mit meinem Schlachtross gerne auf Erkundungsfahrt durch die Stadt. Dabei habe ich festgestellt, dass mein doch schon sehr altes Auto hier eins der kleineren ist. An freien Tagen ist der Verkehr in der Stadt recht angenehm auszuhalten. Es sind nur einige Taxen unterwegs und die Menschen, die in der Stadt wohnen und die fahren alle deutlich größere und modernere Autos. Ich mag das Schlachtross aber dennoch, zumal die klemmende Helene-Fischer-CD der Vorbesitzerin aus dem CD-Player entfernt werden konnte und mit angenehmerer Musik ersetzt werden konnte. An die Verkehrsregeln gewöhnt man sich auch. Vorfahrt hat immer der Frechere. Da ich ja noch keinen nigerianischen Führerschein möchte ich unbedingt in eine Polizeikontrolle zu geraten und halte mich daher an logische Verkehrsregeln. Ich bleibe beispielsweise, also wenn ich nicht in Eile bin, an roten Ampeln stehen. Manchmal macht man sich dadurch jedoch auffälliger, als wenn man einfach fahren würde. Zumal es häufig zu einem wilden Hupkonzert hinter mir führt, ausgelöst von Autofahrern, die nicht fassen können, dass dieser Oyibo in seinem Schlachtross ohne erkennbaren Grund einfach stehen bleibt. Eine rote Ampel ist zumindest kein rechtfertigbarer Grund.

In der vorletzten Woche hatten wir noch das General Staff Meeting. Das ist ein Treffen, wo alle Programmmitarbeiter aus den field offices nach Abuja kommen und alle zusammen lauschen wir programmrelevanten Präsentationen. Dabei mir wieder einmal aufgefallen, woran man u.a. merkt, dass man in Nigeria ist. Man muss sich einfach nur die Toiletten anschauen. Das Meeting fand in einem neugemachten Hotel statt, alles sehr schick, Marmorsäulen, gold-verzierte Wände, Gemälde an den Wänden, Stuck an der Decke, höfliches Personal, Konferenzsessel, alles tip top. Doch in den Toiletten fielen die Wasserhähne an, alles war schief angebracht, hat teilweise nicht funktioniert oder war dreckig. Darauf achtet man in Nigeria nicht. Selbst wenn alles piekfein ist, kann man sicher sein, dass das Badezimmer eher so lala ist. Ein zweiter guter Aspekt, woran man merkt, dass man in Nigeria ist, sind Treppen. Ich weiß nicht, was in der Ausbildung von nigerianischen Architekten, Statikern, und Bauarbeitern falsch gelaufen ist, aber ich habe nur sehr wenige ordentlich konstruierte Treppenhäuser gesehen. Selbst in unserem tollen Grundstück ist das Treppenhaus eine Qual. Die ersten paar Stufen sind ganz normal, doch dann hat scheinbar der verantwortliche Bauarbeiter gemerkt, dass er bei der Treppenhöhe die nächste Etage nicht erreicht und mittendrin werden dann einfach die Treppenstufen wesentlich höher, um dann gegen Ende der Treppe wieder sehr niedrig zu werden. Das sind perfekte Stolperfallen. Hinzu kommt noch, dass die Stufen etwas Neigung nach unten haben und man immer das Gefühl hat abzurutschen. Um sicher zu sein gehe ich immer auf allen Vieren die Stufen hoch.

Unser Treppenhaus
Unser Treppenhaus

Von Einigen wurde ich mittlerweile schon nach meiner nigerianischen Anschrift gefragt. Wenn ihr mir Pakete und (Liebes-)Briefe schicken wollt, freue ich mich zwar sehr, aber ich würde dennoch raten, das auf später zu verschieben. Denn zum einen gibt es hier keinen Postdienst. Wenn man hier in Nigeria einen Brief schicken muss, dann gibt man den Brief einen Fahrer, damit er ihn zum Empfänger bringt, oder man fährt selbst und übergibt den Brief persönlich. Zum anderen sind Anschriften hier auch eher nebensächlich. Ok, ich habe eine ganz ordentlich Anschrift, mit der man etwas anfangen kann. Aber damit gehöre ich zur Minderheit. Die meisten Adressen lauten in etwas so: „Hinter der großen Tankstelle, an der abc-Kreuzung“ oder „In der Nähe von Chief Obas Haus“.

Eindeutige Adressen
Eindeutige Adressen

Zum Schluss des heutigen Blogs noch etwas Politik. Erstmal ein Nachtrag zu Buhari. Ich habe ja im letzten Politik-Blogeintrag erwähnt, dass er schon in Deutschland war und zwar anlässlich des G8-Gipfels. Dabei hat er natürlich auch Angela Merkel getroffen und sie mit folgenden Worten begrüßt: „It is an honor to meet the President of West-Germany“. Was ist da schief gelaufen? Weiß er es nicht besser oder hat ihm (wie bei Robert Mugabe neulich geschehen) jemand eine falsche Rede zum Vorlesen gegeben? In dem Fall wohl eine Rede aus seiner ersten Amtszeit 1983-1985…

Minister hat er immer noch nicht ernannt, aber dafür hat er ja auch noch 3 Tage Zeit. Er will ja bis Ende September Minister ernannt haben. Wie gesagt, ist es wohl recht schwer nicht-korrupte Kandidaten zu finden, bzw. müssen die Kandidaten ja auch ihre Vermögensgegenstände veröffentlichen und das will hier eigentlich so gut wie niemand. Das kann nämlich auch schnell zum Schuss in den eigenen Fuß werden. So geht es nämlich momentan gerade dem President of Senate (so was wie dem Bundestagspräsidenten). Nach der Präsidentschaftswahl und dem damit verbundenen neuen Senat haben die Senatoren Bukola Saraki als neuen Senatspräsidenten gewählt. Dieser war die vier Jahre davor schon Senator, davor war er acht Jahre lang Gouverneur des Bundesstaates Kwara und davor hat er als Berater für den damaligen Präsidenten Obasanjo gearbeitet. In einem solchen hohen politischen Amt wie dem als Senatspräsidenten muss man laut Buhari auch seine Vermögensgegenstände offenlegen. Saraki hat das gemacht und steht nun vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, dass er bei der Offenlegung seines Vermögens geschwindelt hat und es als wesentlich geringer dargestellt hat, als es eigentlich ist. Zudem wird dabei untersucht, wie er denn von seinen Regierungsgehältern in den obengenannten Positionen zu seinem tatsächlichen Vermögen kommen konnte. Er ist nämlich sowohl Euro- und Pfund-Millionär als auch Naira-Milliardär. Er besitzt unzählige Immobilien in Lagos und London im Wert von mehreren Millionen Euro und sein Fuhrpark besteht aus 12 Mercedes und mehreren anderen Luxusautos wie Ferraris, etc. Ganz schön wohlhabend für einen Politiker. Angegeben hat er aber wesentlich weniger und deshalb wird ihm nun der Prozess gemacht. Einige Politiker sehen darin die eiserne Hand Buharis im Kampf gegen Korruption auch in den eigenen Reihen nicht zu stoppen. Das hat er ja schon in seiner Zeit als Militärdiktator nicht gemacht und wurde deshalb von den eigenen Generälen weggeputscht. Die hochrangigen Politiker weigern sich nun ihre Vermögensgegenstände offenzulegen, da es sehr wahrscheinlich ist, das Saraki nicht der Einzige ist, der vor Gericht gezerrt wird. Andere behaupten, dass dieser ganze Kampf gegen Korruption doch nur eine Farce ist, womit darüber hinweggetäuscht wird, dass Buhari sich nicht-gewollter Politiker entledigt. Denn Saraki ist zwar wie Buhari Mitglied der Regierungspartei APC, war aber vor noch gar nicht allzulanger Zeit Mitglied der ehmaligen Regierungs- und jetzt Oppositionspartei PDP. So ein Parteiwechsel ist hier recht häufig zu bemerken, man will halt immer auf der Seite des Gewinners stehen. Doch Buhari gilt als einer, der all denen mit PDP-Vergangenheit sehr negativ gegenüber eingestellt ist.

Ihr seht, immer eine Menge los in Nigeria. Darauf erstmal ein Ginger Beer (alkoholfrei) und etwas Kokosnusswasser.

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